Miniatur-Bogensets aus dem südlichen Afrika
Die ledernen, perlenbestickten Köcher mit Pfeilen und Bogen sind nur handtellergroß. Drei Exemplare am Museum Fünf Kontinente stammen aus der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia. Sie gelangten über den Offizier Hans Hollaender, den Forscher Leonhard Schultze-Jena und den Bürogehilfen Anton Lunkenbein nach München. Hollaender vermutete Pfeil und Bogen dienten dem »Töten durch Zauber« (Eingangsbuch 1913). Die Stücke seien sehr schwer zu bekommen – angeblich hatte er jahrelang danach gesucht. Von Schultze-Jena erwarb das Museum ein ähnliches Objekt. In seinem Reisebericht Aus Namaland und Kalahari (1907) schrieb er, die vergifteten Pfeile würden sicher im Köcher verwahrt und gemeinsam mit dem Bogen unter dem Schurz getragen. Die Miniatur-Waffe sei für das Gegenüber unsichtbar wie ein europäischer Taschenrevolver. Der Afrikaforscher Franz Seiner leitete daraus 1913 die problematische, aber in der Forschung lange benutzte Bezeichnung »Buschmannrevolver« ab.
Die Bezeichnung »Buschmann« ist eine Fremdbezeichnung (wie auch San), die als abwertend begriffen wird. Die davon erfassten Gesellschaften tragen jeweils Eigenbezeichnungen, etwa !Kung. Koloniale Dokumente liefern aber nur ungenaue Herkunftsverweise, so dass eine genaue Zuordnung zu einer bestimmten Gesellschaft heute kaum möglich ist. Viele dieser Gesellschaften wurden nach dem Kolonialkrieg und Genozid gegen die Herero und Nama in der deutschen Kolonie Namibia von der kolonialen Polizeitruppe verfolgt, verschleppt und zur Arbeit in kolonialen Betrieben gezwungen (Muschalek 2019, 133ff.).
Die dritte Waffe kaufte das Museum 1933 von Anton Lunkenbein, der sie anfangs für ein Übungsinstrument für Kinder hielt. Später schrieb er, der »Buschmannrevolver« sei ein »Zaubermittel« und »unbedingt in das Gebiet der Mystik zu verweisen«. Die Pfeilspitzen seinen teils mit Gegengift gegen den Biss der schwarzen Mamba, teils mit Gift versehen, um Feinde zu töten. Der »Feind, der in der verlängerten Schusslinie sich befinde« werde »augenblicklich getötet«.
Das große Interesse der Europäer und Europäerinnen führte dazu, dass die Miniatursets spätestens ab den 1970er Jahren als touristische Souvenirs vertrieben wurden.
Die unterschiedlichen Deutungen aus der Kolonialzeit zeigen, wie sehr die mobilen Gesellschaften im südlichen Afrika zur Projektionsfläche wurden – dies allerdings ohne die Menschen, die sie herstellten, selbst zu Wort kommen zu lassen. In der Bestandsgeschichte fehlen diese Perspektiven oft bis heute. So erwächst aus der Erforschung der Herkunft der Bestände ein Auftrag für zukünftigen Kontakt zu den selbstbestimmten Bedingungen der Gesellschaften (San Code 2017). (Eva Schuster, 23.09.2025)
Quellen
Eingangsbuch des Museum Fünf Kontinente, MFK-Archiv SMV-38; SMV-62; SMV-64.
Archiv MFK SG-116 (Briefverkehr mit Anton Lunkenbein)
Schultze-Jena, Leonhard: Aus Namaland und Kalahari. Bericht an die Kgl. Preuss. Akademie der Wissenschaften zu Berlin über eine Forschungsreise im westlichen und zentralen Südafrika, ausgeführt in den Jahren 1903-1905. Jena 1907.
Seiner, Franz: Beobachtungen an den Bastard-Buschleuten der Nord-Kalahari. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, Wien 1913, Bd. 43, S. 311-324.
Steinhardt: Giftpfeil und Buschmann-»Revolver«. In: Kosmos 1928 Heft 2.
Literaturauswahl
Wartenberg, Josefine: Das Konvolut Leonhard Schultze Jena. Eine kolonialzeitliche Spurensuche in der ethnologischen Sammlung Göttingen. Göttingen 2019.
Muschalek, M. (2019), Violence as Usual. Policing and the Colonial State in German South West Africa, Ithaca/London.
Förster, Larissa / Stoecker, Holger: Haut, Haar und Knochen: koloniale Spuren in naturkundlichen Sammlungen der Universität Jena, Weimar 2016.
San Code 2017: The South African San Institute, The San Code of Research Ethics, URL: https://www.globalcodeofconduct.org/wp-content/uploads/2025/08/San-Code-of-RESEARCH-Ethics-Booklet_English.pdf
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